Prof. Dr. Andreas Meyer

Brauch und Missbrauch. Zur Geschichte gemeinsamen Singens in Deutschland

Brauch und Missbrauch. Zur Geschichte gemeinsamen Singens in Deutschland
(Foto: Rainer Moeller)
Foto: Rainer Moeller

Samstag, 11. Oktober, 12h30 Uhr, Kammermusiksaal

Stämme und Kohorten, Gläubige und Ungläubige, Bürogemeinschaften und Fußballfans schwingen sich aufeinander ein, traditionelle Lieder – „Volkslieder“ – konstituieren soziale Räume und kollektives Gedächtnis. Schon die Institutionen der bürgerlichen Chorbewegung des 19. Jahrhunderts haben die deutsche Nation als Sehnsuchtsort und politisches Bollwerk beschworen und in gewisser Weise konstituiert – vor und nach der politischen Einigung 1871. Diese Entwicklung kulminiert in der patriotischen Aufwallung bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Zum „Augusterlebnis“ vor 100 Jahren gehört ein charakteristisches „Hörbild“. Heute fast vergessen, zeigt die inoffizielle Nationalhymne des Kaiserreichs, die „Wacht am Rhein“, alle Merkmale einer musikalischen (Selbst-)Manipulation – lange vor den NS-Propagandaliedern. Nach 1945 waren singende Massen und musikalisch hochgestimmte Gemeinschaften aus guten Gründen politisch suspekt. Teile der Vokalmusik seit den 1960er Jahren – Chor- und Ensemblestücke von Luigi Nono, György Ligeti, Dieter Schnebel u.a. – können als Versuch verstanden werden, dem „kollektiven“ Chorgesang ein alternatives Modell der Individualisierung und Emanzipation einzelner Stimmen entgegenzusetzen. Erst in jüngerer Zeit, unter veränderten Vorzeichen, erlaubt sich die Freizeitgesellschaft wieder vermehrt Ausflüge in die kollektive Ergriffenheit.

Andreas Meyer, geboren 1966, studierte Violine in Lübeck sowie Musikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Freiburg i.Br. und Berlin. 1998 bis 2007 Tätigkeit als Institutsassistent bzw. wissenschaftlicher Angestellter am Staatlichen Institut für Musikforschung, Berlin (u.a. DFG-Projekt „Briefwechsel der Wiener Schule“), zugleich Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität (ab 2006 Privatdozent). Im Sommer 2007 Berufung auf die Professur für Musikwissenschaft an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

Andreas Meyer wurde 1998 mit einer Arbeit über Ensemblelieder in der Nachfolge von Arnold Schönbergs Pierrot lunaire promoviert. Weitere Veröffentlichungen behandeln u. a. Autorschaft und Einfluss in der Musik, Franz Schubert und Anton Webern, Musik bei Marcel Proust und die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. 2005 Habilitation mit einer Arbeit über Musik und Lyrik im 20. Jahrhundert.

Andreas Meyer ist Mitherausgeber der Korrespondenz Schönbergs mit Alban Berg (Mainz 2007) und seit 2011 Herausgeber der „Stuttgarter Musikwissenschaftlichen Schriften“.

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