Hegels Philosophie der schönen Kunst

Im Hinblick auf das Hegel-Jubiläumsjahr initiierte die Akademie im Herbst 2019 einen Hegel-Lesekreis, der seit dem 29. Oktober alle 14 Tage zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit Hegels “Vorlesungen über die Ästhetik” und seinem Kunstbegriff einlädt.

Kunst lügt nicht; sie stellt die Wahrheit dar. Mit dieser gewagten und zugleich imposanten Aussage prägt der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel unser Verständnis von Kunst bis zum heutigen Tag. Zugleich, so Hegel, habe der moderne Mensch aber das Bedürfnis verloren, sich die Wahrheit künstlerisch zu vergegenwärtigen: »Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr.«

Was ist Kunst? Was ist Schönheit? Und welchen Stellenwert hat Kunst innerhalb einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft? Unter der fachkundigen Moderation vom jungen Wissenschaftler Panagiotis Koulaxidis, der an der Universität Stuttgart zu Hegels Kunstphilosophie forscht, werden wir uns lesend und denkend dem Werk widmen. Wir laden Sie ein, sich mit uns gemeinsam in entspannter Atmosphäre in einer philosophischen Perspektive mit Kunst zu beschäftigen. Ergänzt wird unsere Lektüre von ausgewählten Gedichten, Liedern und Texten, vorgetragen vom Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort.

Wissenschaftliche Begleitung: Panagiotis Koulaxidis
Lesung: Mitglieder des Sprecherensembles

Was bisher geschah...

Damit ein Einstieg erleichtert werden kann, hier nun der aktuelle Stand unserer Lesereihe:

Grundlegend haben wir zu Beginn darüber gesprochen, was das Besondere an einer philosophischen Betrachtung eines Themas ist. Des Philosophen/der Philosophinnen Werkzeuge sind mindestens zwei:
1) Die Frage nach dem Wesen einer Sache; das WAS einer Sache.
2) Die Frage nach der Begründung eines Sachverhalts, der argumentative Aufbau, das WARUM sich etwas so und so verhält.
In den Vorlesungen über die Ästhetik widmet sich Hegel der Frage nach dem Wesen der Kunst, sprich: Was ist Kunst? Was ist eigentlich so besonders an diesen Dingen, die wir als Kunstwerke bezeichnen. Seine Überlegungen spitzen sich auf die These zu, dass Kunst das Scheinen der Idee sei. Was damit gemeint ist und warum Hegel zu dieser These kommt, dieses zu erklären war das Ziel seiner Vorlesungen.

Zum bisher gelesenen Text:

Nach einer Rechtfertigung, sich wissenschaftlich mit der Kunst zu beschäftigen
betrachtet Hegel das Phänomen der Kunst und grenzt sie ab zur ›schönen Kunst‹ (damit schließt er rein handwerklich/technisch hergestellte Dinge aus) und zieht auch eine Grenze zum ›Naturschönen‹. Die schöne Kunst stehe höher als das Naturschöne, denn sie ist ein aus dem Geiste geborenes Werk.
Um einen ersten Zugang zur Kunst zu erlangen, setzt Hegel bei den gewöhnlichen und alltäglichen Vorstellungen über die Kunst an. Unser geläufiges Verständnis von Kunst beinhaltet drei Eigenschaften:
1) Kunstwerke sind Artefakte, d.h., nicht durch natürliche Prozesse entstanden, sondern durch menschliche Tätigkeit hervorgebracht.
2) Kunst ist für den Sinn des Menschen gemacht, d.h., für das sinnliche Erfahren und Wahrnehmen durch den Menschen.
3) Kunst ist sich selbst Zweck, d.h., sie folgt keinem höheren Nutzen, aber hat ein inhärentes Ziel.

Im Weiteren diskutiert Hegel das Interesse an der Kunst und grenzt die Kunstbetrachtung als ‚Unterhaltung‘ gegen die Begierde und die rein intellektuelle Betrachtung ab.
»Von dem praktischen Interesse der Begierde unterscheidet sich das Kunstinteresse dadurch, dass es seinen Gegenstand frei für sich bestehen lässt, während die Begierde ihn für ihren Nutzen zerstörend verwendet, von der theoretischen Betrachtung wissenschaftlicher Intelligenz dagegen scheidet die Kunstbetrachtung sich in umgekehrter Weise ab, indem sie für den Gegenstand in seiner einzelnen Existenz Interesse hegt und denselben nicht zu seinem allgemeinen Gedanken und Begriff zu verwandeln tätig ist.«

Das Sinnliche erscheint im Kunstwerk als Schein – als das »Klingen der Dinge«.
Die Diskussion sehr angeregt haben die Beschränkungen der für die Kunst relevanten Sinne des Sehens und Hörens durch Hegel, er bleibt in seiner Zeit verhaftet, darauf konnten wir uns einigen.

Der Künstlerpersönlichkeit widmet sich Hegel, indem er auf die Notwendigkeit einer ‚natürlichen Anlage‘ hinweist, die aber angereichert werden muss durch die ‚Geistigkeit‘, nur durch handwerkliches Geschick kann kein Kunstwerk entstehen.

Mit dem Abschnitt „Einteilung“ beginnt Hegels eigentliche philosophische Untersuchung der Kunst. Hier fasst er das vollständige Programm zusammen, dem die Hörer und Leser im Weiteren begegnen werden. Hegel wiederholt, dass Kunst Ideen (oder: das Absolute, Gott) hervorbringt. Die Form, über die uns Kunst Ideen erkennen lässt, ist das Sinnliche. Diese bisher erarbeite Feststellung bildet den Ausgang, den Aufbau und die neuen Fragestellungen seines Programms.

Beim Lesen der Einteilung stellten wir zügig fest, dass Hegels Betrachtung der Kunst eine neue sprachliche und analytische Tiefe gewann. Dieser näherten wir uns diskutierenden an und besprachen einen zentralen, philosophischen Begriff Hegels: Wahrheit. Wir hielten fest, dass Hegel Wahrheit als die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst definiert. Kunst bringe damit auf sinnliche Weise die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst hervor: Inhalt eines Kunstwerks und Form eines Kunstwerks müssen übereinstimmen, damit wir von gelungener Kunst sprechen können.

HegelLesekreis am 03.03.2020

Das Bedürfnis, das Kunst befriedigt, ist rein geistiger Natur. Der Grund, warum Menschen sich über Kunst Wahrheit anschaulich ins Bewusstsein rücken, so die These Hegels, ist, dass Menschen, als unmittelbare, konkrete und leibliche Wesen auch immer nach unmittelbarer, d.h. sinnlicher Befriedigung drängen. Diese Weise der Kunst nun, dem Menschen unmittelbar, sinnlich die Wahrheit vor Augen zu führen, grenzt Hegel von der Religion und Philosophie ab. Allen drei ‚Sphären des Absoluten‘, wie er sie nennt, teilen sich ein und denselben Inhalt: Wahrheit. Ihre Funktion ist somit dieselbe: freie, geistige Selbstbetrachtung. Die Sphären unterscheiden sich nur ihrer Form nach, über die sie das Wesen der Dinge mit sich übereinstimmen lassen (Wahrheit offenbaren). Kunst äußert Inhalte in sinnlicher Form, Religion in der Form der Vorstellung (Repräsentation) und Philosophie (so wie Wissenschaft überhaupt) in Gedanken.
Wir schlossen die Leserunde mit Hegels bekannter These vom Vergangenheitscharakter der Kunst ab: „Die Kunst in ihren Anfängen läßt noch Mysteriöses, ein geheimnisvolles Ahnen und eine Sehnsucht übrig, weil ihre Gebilde noch ihren vollen Gehalt nicht vollendet für die bildliche Anschauung herausgestellt haben. Ist aber der vollkommene Inhalt vollkommen in Kunstgestalten hervorgetreten, so wendet sich der weiterblickende Geist von dieser Objektivität in sein Inneres zurück und stößt sie von sich fort. Solch eine Zeit ist die unsrige. Man kann wohl hoffen, daß die Kunst immer mehr steigen und sich vollenden werde, aber ihre Form hat aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein. Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr.“

HegelLesekreis am 18.02.2020

Mit der Beendigung der Einleitung kehrt Hegel wieder zum Anfangspunkt seiner Philosophie der Kunst zurück. Er beginnt den ersten Teil seiner Hauptuntersuchung mit einer detaillierten Differenzierung des Begriffs des Schönen. Hierfür geht er nochmal der Frage nach der allgemeinen Funktion von Kunst nach. Seine Antwort lautet, dass Kunst freie, geistige Selbstbetrachtung bezweckt. Kunstwerke sind also nicht nur Produkte des Geistes, sondern geistige Objekte überhaupt – eine geistige Natur –, durch die der Geist sich selbst betrachtet. Dieses Sich-Selbst-Äußern des Geistes im Kunstwerk hat nun drei Momente: 1. einen geistigen Inhalt 2. eine sinnliche Form und 3. die Übereinstimmung beider. Im Gegensatz zu anderen Formen geistiger Selbstbetrachtung lässt Kunst den Inhalt im sinnlich-individuellen selbst erscheinen. Dies liegt daran, dass der sinnliche Schein (also Erscheinungen) selbst immer einzelne Phänomen sind. Kunst aber bringt nicht irgendwelche vereinzelte Erscheinungen hervor, sondern individuelle, d.h. vollkommene, einzelne Erscheinungen. Kunstwerke lassen geistige Inhalte an jedem Punkte ihrer Form aufgehen: Alles an der Form des Kunstwerk ist Träger des Inhalts.

HegelLesekreis am 04.02.2020

Im dritten Teil der “Einteilung” fasst Hegel den drittel Teil der kompletten Ästhetik zusammen. Während sich der erste Teil der Ästhetik dem allgemeinen Begriff des Kunstschönen widmet (=dem Wesen der Kunst) und der zweite Teil den besonderen Formen des Kunstschönen (=den Möglichkeiten der Kunst ihr Wesen zu entfalten), handelt der dritte von den einzelnen Künsten, d.h. von den Kunstgattungen.

Die Kunstgattungen sind: Architektur, Skulptur, Malerei, Musik und Poesie. Hegel systematisiert das Verhältnis aller zentralen Kunstgattungen zueinander. Es besteht darin, dass sie vom Schein in unterschiedlichen Abstraktionsgraden Gebrauch machen. Architektur greift den Raum auf, die allgemeine dreidimensionale Räumlichkeit, wie sie uns bereits aus der erscheinenden Natur bekannt ist. Darum stiftet Architektur eine geistige, räumliche Natur. Die Skulptur arbeitet ebenfalls mit den drei Raumdimensionen, aber sie individuiert sie. Sie ist organischer Raum, d.h. ein sich im Raum organisch entfaltendes Kunstwerk und abstrahiert damit von der Totalität des Raums. Die Malerei wiederum tilgt eine Raumdimension: 3D wird zu 2D. Das Malerische ist die Fläche; ein Spiel aus Licht und Farbe. Musik tilgt die zweidimensionale Räumlichkeit. Was bleibt ist der Punkt bzw. die Abfolge von negierten Punkten, d.h. Zeitpunkten. Musik ist Gestaltung von Zeit; ein Spiel aus Ton und Rhythmus. Poesie nun tilgt auch die Zeit, d.h. die ganze Äußerlichkeit des Scheins. Poesie findet im Subjekt allein, im Geiste statt: „Der Ton wird dadurch zum Wort als in sich artikuliertem Laute, dessen Sinn es ist, Vorstellungen und Gedanken zu bezeichnen […]“.

HegelLesekreis am 21.01.2020

Beim Versuch, die drei Kunstformen von einander zu unterscheiden erstellten wir in der Leserunde dieses Schaubild.

Die Wahrheit, bzw. die Idee, welche durch Kunst sinnlich hervorgebracht wird, bezeichnetet Hegel fortan als das „Ideal“ oder das „Schöne“.

Der erste Teil der Ästhetikvorlesungen widmet sich der allgemeinen Betrachtung des Ideals. Das bedeutet, dass sich Hegel hier mit den allgemeinen, begrifflichen Bestimmungen des Kunstschönen auseinandersetzt.

Der zweite Teil ist den besonderen Formen des Ideals gewidmet, den Kunstformen. Dieser handelt von den Möglichkeiten der Kunst das Ideal hervorzubringen. Diese besonderen Möglichkeiten sind dem allgemeinen Begriff des Ideals bereits angelegt: Das Ideal ist die anschauliche Übereinstimmung von Inhalt und Form. Diese Übereinstimmung kann durch Kunst symbolisch, klassisch oder romantisch gefasst werden. Das heißt, dass Kunst entweder 1. Formen hervorbringt, die sich einen Inhalt geben (Symbolik) 2. Inhalt und Form direkt einander verweisen lässt (Klassik) oder 3. Inhalte hervorbringt, die sich eine Form geben (Romantik). Die ideale Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form, so Hegel, findet nur in der Klassik statt, weshalb es diese Kunstform ist, die das Ideal auch als Ideal, d.h. Schönheit hervorbringt.

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