Hegels Philosophie der schönen Kunst

Im Hinblick auf das Hegel-Jubiläumsjahr initiierte die Akademie im Herbst 2019 einen Hegel-Lesekreis, der seit dem 29. Oktober alle 14 Tage zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit Hegels “Vorlesungen über die Ästhetik” und seinem Kunstbegriff einlädt.

Kunst lügt nicht; sie stellt die Wahrheit dar. Mit dieser gewagten und zugleich imposanten Aussage prägt der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel unser Verständnis von Kunst bis zum heutigen Tag. Zugleich, so Hegel, habe der moderne Mensch aber das Bedürfnis verloren, sich die Wahrheit künstlerisch zu vergegenwärtigen: »Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr.«

Was ist Kunst? Was ist Schönheit? Und welchen Stellenwert hat Kunst innerhalb einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft? Unter der fachkundigen Moderation vom jungen Wissenschaftler Panagiotis Koulaxidis, der an der Universität Stuttgart zu Hegels Kunstphilosophie forscht, werden wir uns lesend und denkend dem Werk widmen. Wir laden Sie ein, sich mit uns gemeinsam in entspannter Atmosphäre in einer philosophischen Perspektive mit Kunst zu beschäftigen. Ergänzt wird unsere Lektüre von ausgewählten Gedichten, Liedern und Texten, vorgetragen vom Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort.

Wissenschaftliche Begleitung: Panagiotis Koulaxidis
Lesung: Mitglieder des Sprecherensembles

Was bisher geschah...

Damit ein Einstieg erleichtert werden kann, hier nun der aktuelle Stand unserer Lesereihe:

Grundlegend haben wir zu Beginn darüber gesprochen, was das Besondere an einer philosophischen Betrachtung eines Themas ist. Des Philosophen/der Philosophinnen Werkzeuge sind mindestens zwei:
1) Die Frage nach dem Wesen einer Sache; das WAS einer Sache.
2) Die Frage nach der Begründung eines Sachverhalts, der argumentative Aufbau, das WARUM sich etwas so und so verhält.
In den Vorlesungen über die Ästhetik widmet sich Hegel der Frage nach dem Wesen der Kunst, sprich: Was ist Kunst? Was ist eigentlich so besonders an diesen Dingen, die wir als Kunstwerke bezeichnen. Seine Überlegungen spitzen sich auf die These zu, dass Kunst das Scheinen der Idee sei. Was damit gemeint ist und warum Hegel zu dieser These kommt, dieses zu erklären war das Ziel seiner Vorlesungen.

Zum bisher gelesenen Text:

Nach einer Rechtfertigung, sich wissenschaftlich mit der Kunst zu beschäftigen
betrachtet Hegel das Phänomen der Kunst und grenzt sie ab zur ›schönen Kunst‹ (damit schließt er rein handwerklich/technisch hergestellte Dinge aus) und zieht auch eine Grenze zum ›Naturschönen‹. Die schöne Kunst stehe höher als das Naturschöne, denn sie ist ein aus dem Geiste geborenes Werk.
Um einen ersten Zugang zur Kunst zu erlangen, setzt Hegel bei den gewöhnlichen und alltäglichen Vorstellungen über die Kunst an. Unser geläufiges Verständnis von Kunst beinhaltet drei Eigenschaften:
1) Kunstwerke sind Artefakte, d.h., nicht durch natürliche Prozesse entstanden, sondern durch menschliche Tätigkeit hervorgebracht.
2) Kunst ist für den Sinn des Menschen gemacht, d.h., für das sinnliche Erfahren und Wahrnehmen durch den Menschen.
3) Kunst ist sich selbst Zweck, d.h., sie folgt keinem höheren Nutzen, aber hat ein inhärentes Ziel.

Im Weiteren diskutiert Hegel das Interesse an der Kunst und grenzt die Kunstbetrachtung als ‚Unterhaltung‘ gegen die Begierde und die rein intellektuelle Betrachtung ab.
»Von dem praktischen Interesse der Begierde unterscheidet sich das Kunstinteresse dadurch, dass es seinen Gegenstand frei für sich bestehen lässt, während die Begierde ihn für ihren Nutzen zerstörend verwendet, von der theoretischen Betrachtung wissenschaftlicher Intelligenz dagegen scheidet die Kunstbetrachtung sich in umgekehrter Weise ab, indem sie für den Gegenstand in seiner einzelnen Existenz Interesse hegt und denselben nicht zu seinem allgemeinen Gedanken und Begriff zu verwandeln tätig ist.«

Das Sinnliche erscheint im Kunstwerk als Schein – als das »Klingen der Dinge«.
Die Diskussion sehr angeregt haben die Beschränkungen der für die Kunst relevanten Sinne des Sehens und Hörens durch Hegel, er bleibt in seiner Zeit verhaftet, darauf konnten wir uns einigen.

Der Künstlerpersönlichkeit widmet sich Hegel, indem er auf die Notwendigkeit einer ‚natürlichen Anlage‘ hinweist, die aber angereichert werden muss durch die ‚Geistigkeit‘, nur durch handwerkliches Geschick kann kein Kunstwerk entstehen.

Mit dem Abschnitt „Einteilung“ beginnt Hegels eigentliche philosophische Untersuchung der Kunst. Hier fasst er das vollständige Programm zusammen, dem die Hörer und Leser im Weiteren begegnen werden. Hegel wiederholt, dass Kunst Ideen (oder: das Absolute, Gott) hervorbringt. Die Form, über die uns Kunst Ideen erkennen lässt, ist das Sinnliche. Diese bisher erarbeite Feststellung bildet den Ausgang, den Aufbau und die neuen Fragestellungen seines Programms.

Beim Lesen der Einteilung stellten wir zügig fest, dass Hegels Betrachtung der Kunst eine neue sprachliche und analytische Tiefe gewann. Dieser näherten wir uns diskutierenden an und besprachen einen zentralen, philosophischen Begriff Hegels: Wahrheit. Wir hielten fest, dass Hegel Wahrheit als die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst definiert. Kunst bringe damit auf sinnliche Weise die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst hervor: Inhalt eines Kunstwerks und Form eines Kunstwerks müssen übereinstimmen, damit wir von gelungener Kunst sprechen können.

Hegellesekreis (Online) 09.06.2020

Im Rahmen eines kunsthistorischen Exkurses, in welchem sich Hegel nun unter anderem der Analyse realer Kunstobjekte widmet, versinkt er beiläufig in einen ganz anderen, aber akademisch turbulenten Diskurs des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Hegel stellt die Romantik-Frage. Mit dem Aufkommen und Scheitern der französischen Revolution, der Entwicklung einer frühen bürgerlichen Gesellschaftsstruktur und der Verbreitung liberalen und aufklärerischen Gedankenguts, das allen voran an die individuellen Freiheitsrechte gegenüber einem Staats- und Gemeinschaftswesen und die Vernunft des Menschen appellierte, entstand zugleich ihr historischer Gegensatz, der Vertreter antirevolutionärer oder revolutionsskeptischer Positionen miteinander verband. Die philosophische Romantik nun konstruierte unter Bezugnahme auf die Innerlichkeit des Menschen, des Gefühls, des Gemeinschaftlichen, des katholisch Religiösen, also: des Irrationalen – einen Gegenbegriff zum aufklärerischen Ideal der Vernunft. Verleugnet wurde keineswegs die leuchtende Erkenntniskraft der Vernunft – Hegel tauft Novalis hier zum ideologischen Kopf der Romantik, weil dieser ihm passend radikal und halbwegs geistreich erscheint –; Betont wurde die Irrationalität als existenzielle Konstante menschlichen Lebens. Der Mensch sei demnach eben kein reines Vernunftwesen, sonst wäre er gott- oder engelsgleich, sondern auch Naturwesen: eine Einheit des Rationalen und Irrationalen.
Hegel rechnet knapp aber fundamental mit einer radikalen Variante romantischen Gedankenguts ab, ohne sich jedoch direkt auf diese gewaltige Fundamentaldebatte, auf die er sich hier bezieht, einzulassen. Spöttisch urteilt er, dass die Romantiker, blind vor Gefühls- und Gemütsucht, den Ernst des Lebens verlören. Das sagt er, indem er den Romantikern selbst ein authentischeres Schönheitsideal unterstellt und dessen Anwesenheit in romantischen Kunstwerken bemängelt (hier greift Hegel den opulenten Lachchor und den schrillen Gesang in Webers Freischütz auf – eine Oper, die bis heute der kunsthistorischen, deutschen Romantik exemplarisch zugeschrieben wird). Der einseitigen, also abstrakten Fixierung aufs Subjektive und Partikulare (sozusagen aufs „Übertriebene und Schrille“) mangele es an objektivem und geistigem Inhalt. (Anmerkung des Autors: Man kann sich wohl keine preußisch-konservativere Kunstkritik ausmalen wie diese: Hegel verlässt Webers Oper, ist irritiert und aufgelöst. Folglich kann mit diesem Kunststück an sich etwas nicht stimmen. Im Gegensatz dazu pflegt man heutigentags zu sagen: „Des isch halt so Modernes Zeug“ oder: „Warscht halt zu blöd“)
Wenige Zeile später entführt uns Hegel in die Malerei und springt nun auf ein gelungenes Beispiel romantischer Schönheit über: holländische Genrebilder, deren Exzellenz wir z.B. an den Historienmalereien Rembrandts betrachten können. An dieser Stelle schießt Hegel wiederum auf die Gegenseite, auf das omnipräsente Kunstverständnis seiner Zeit: Der im Fahrwasser der Aufklärung dominierende Klassizismus. Rembrandts Bilder beispielsweise wurden nicht von Beginn an mit offenen Armen vom Kunstmarkt angenommen. Die Klassizisten – heute: die kunsthistorische Opposition, das Gegenstück zur Romantik – warben in ihren Werken und Theorien um die ideale Formen und Inhalte der griechischen Antike. Diese Verbindung ist der Aufklärung immanent. Wir erinnern uns an ein Zitat Schillers, auf das Hegel einige Passagen zuvor verwies: „Als die Götter menschlicher noch waren, waren auch die Menschen göttlicher.“ Nicht nur in der Poesie, sondern im gesamten Gattungsspektrum standen klassische Ideale hoch im Kurs: Von der plastischen Interpretation des Mythos von Amor und Psyche, bis hin zu hellenischen Formen in Malerei und Architektur. Hegel verurteilt diese als „fad“ und überholt. Im Geiste seines eigenen Ideals von Romantik betont Hegel den bedeutenden Geistesgehalt genannter Historienmalereien Rembrandts. Diese erzählten von der Geschichte der Holländer, deren Geistesgröße sich eben darin zeigt, dass sie eine Geschichte des objektiven Geistes – hier: der holländischen Gesellschaft – sei und hier der malerischen Darstellung dient. Dagegen klagt Hegel über all zu prosaische und geistlose Bilder, womit er zu seinem eigentlichen Schluss kommt: Die Kunst soll Poesie und nicht Prosa sein. Nicht nur der sinnliche Stoff eines Kunstwerks idealisiert („ironisiert“), auch der Inhalt kann geistig erfasst werden und so höhere Schönheit hervorbringen.

Hegellesekreis (Online) 26.05.2020

Das dritte und letzte Kapitel des ersten Abschnittes der Ästhetikvorlesungen wendet sich nun wieder dem Kunstschönen zu. Da wir im vorherigen Kapitel festhielten, dass das Schöne in der Natur sich in einer sinnlich offenbarenden Seele äußere (Bspw. in der Gestalt eines Leibes), fragt nun Hegel, mit welcher Art Seele das Schöne in der Kunst zu vergleichen sei. Er stellt fest, dass es nicht die schlummernde, unbewusste und natürliche Seele, sondern der wache, selbstbewusste und freie Geist sei, der sich uns im Schönen der Kunst zeige. Gleich dem menschlichen Auge öffnet Kunst einen Zugang zum Geist – ein Zugang, in welchem der Mensch sieht und gesehen wird. Aus diesem Grund vergleicht Hegel das Kunstwerk mit der mythologischen Figur der Argus, einem vieläugigen Riesen: Ein jeder sinnlicher Punkt von Kunst habe demnach als Geist zu erscheinen. An dieser Stelle wurde verständlicher, inwiefern Schönheit zwar einerseits die bekannte, sinnliche Wirklichkeit übersteige, aber nicht bis zum „Extrem“ des Gedankens fortfahre, sondern dazwischen existiere: „ Die Beseelung und das Leben des Geistes allein ist die freie Unendlichkeit, die in dem realen Dasein für sich selbst als Inneres ist, weil sie in ihrer Äußerung zu sich selber zurückkehrt und bei sich bleibt. Dem Geiste allein ist es deshalb gegeben, seiner Äußerlichkeit, wenn er durch dieselbe auch in die Beschränktheit eintritt, dennoch zugleich den Stempel seiner eigenen Unendlichkeit und freien Rückkehr zu sich aufzudrücken.“ Die Scheinen des Schönen gründet auf geistigen Prinzipien; das Schöne ist das Scheinen des Geistes. Hegel stellt in Form eines Imperativs nochmals klar: „Mit einem Worte, die Kunst hat die Bestimmung, das Dasein in seiner Erscheinung als wahr aufzufassen und darzustellen, d. i. in seiner Angemessenheit zu dem sich selbst gemäßen, dem an und für sich seienden Inhalt.“

Auf folgendes Gedicht wurde bezug genommen:

Das Ideal und das Leben

Ewigklar und spiegelrein und eben
Fließt das zephirleichte Leben
Im Olymp den Seligen dahin.
Monde wechseln und Geschlechter fliehen,
Ihrer Götterjugend Rosen blühen
Wandellos im ewigen Ruin.
Zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden
Bleibt dem Menschen nur die bange Wahl;
Auf der Stirn des hohen Uraniden
Leuchtet ihr vermählter Strahl.

Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,
Frei sein in des Todes Reichen,
Brechet nicht von seines Gartens Frucht.
An dem Scheine mag der Blick sich weiden,
Des Genusses wandelbare Freuden
Rächet schleunig der Begierde Flucht.
Selbst der Styx, der neunfach sie umwindet,
Wehrt die Rückkehr Ceres’ Tochter nicht,
Nach dem Apfel greift sie, und es bindet
Ewig sie des Orkus Pflicht.

Nur der Körper eignet jenen Mächten,
Die das dunkle Schicksal flechten,
Aber frei von jeder Zeitgewalt,
Die Gespielin seliger Naturen
Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
Göttlich unter Göttern, die Gestalt.
Wollt ihr hoch auf ihren Flügeln schweben,
Werft die Angst des Irdischen von euch.
Fliehet aus dem engen, dumpfen Leben
In des Ideales Reich!

Jugendlich, von allen Erdenmalen
Frei, in der Vollendung Strahlen
Schwebet hier der Menschheit Götterbild,
Wie des Lebens schweigende Phantome
Glänzend wandeln an dem stygschen Strome,
Wie sie stand im himmlischen Gefild,
Ehe noch zum traurgen Sarkophage
Die Unsterbliche herunterstieg.
Wenn im Leben noch des Kampfes Waage
Schwankt, erscheinet hier der Sieg.

Nicht vom Kampf die Glieder zu entstricken,
Den Erschöpften zu erquicken,
Wehet hier des Sieges duftger Kranz.
Mächtig, selbst wenn eure Sehnen ruhten,
Reißt das Leben euch in seine Fluten,
Euch die Zeit in ihren Wirbeltanz.
Aber sinkt des Mutes kühner Flügel
Bei der Schranken peinlichem Gefühl,
Dann erblicket von der Schönheit Hügel
Freudig das erflogne Ziel.

Wenn es gilt, zu herrschen und zu schirmen,
Kämpfer gegen Kämpfer stürmen
Auf des Glückes, auf des Ruhmes Bahn,
Da mag Kühnheit sich an Kraft zerschlagen,
Und mit krachendem Getös die Wagen
Sich vermengen auf bestäubtem Plan.
Mut allein kann hier den Dank erringen,
Der am Ziel des Hippodromes winkt,
Nur der Starke wird das Schicksal zwingen,
Wenn der Schwächling untersinkt.

Aber der, von Klippen eingeschlossen,
Wild und schäumend sich ergossen,
Sanft und eben rinnt des Lebens Fluß
Durch der Schönheit stille Schattenlande,
Und auf seiner Wellen Silberrande
Malt Aurora sich und Hesperus.
Aufgelöst in zarter Wechselliebe,
In der Anmut freiem Bund vereint,
Ruhen hier die ausgesöhnten Triebe,
Und verschwunden ist der Feind.

Wenn, das Tote bildend zu beseelen,
Mit dem Stoff sich zu vermählen,
Tatenvoll der Genius entbrennt,
Da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
Und beharrlich ringend unterwerfe
Der Gedanke sich das Element.
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,
Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born,
Nur des Meißels schwerem Schlag erweichet
Sich des Marmors sprödes Korn.

Aber dringt bis in der Schönheit Sphäre,
Und im Staube bleibt die Schwere
Mit dem Stoff, den sie beherrscht, zurück.
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen,
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
In des Sieges hoher Sicherheit,
Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
Menschlicher Bedürftigkeit.

Wenn ihr in der Menschheit traurger Blöße
Steht vor des Gesetzes Größe,
Wenn dem Heiligen die Schuld sich naht,
Da erblasse vor der Wahrheit Strahle
Eure Tugend, vor dem Ideale
Fliehe mutlos die beschämte Tat.
Kein Erschaffner hat dies Ziel erflogen,
Über diesen grauenvollen Schlund
Trägt kein Nachen, keiner Brücke Bogen,
Und kein Anker findet Grund.

Aber flüchtet aus der Sinne Schranken
In die Freiheit der Gedanken,
Und die Furchterscheinung ist entflohn,
Und der ewge Abgrund wird sich füllen;
Nehmt die Gottheit auf in euren Willen,
Und sie steigt von ihrem Weltenthron.
Des Gesetzes strenge Fessel bindet
Nur den Sklavensinn, der es verschmäht,
Mit des Menschen Widerstand verschwindet
Auch des Gottes Majestät.

Wenn der Menschheit Leiden euch umfangen,
Wenn Laokoon der Schlangen
Sich erwehrt mit namenlosem Schmerz,
Da empöre sich der Mensch! Es schlage
An des Himmels Wölbung seine Klage
Und zerreiße euer fühlend Herz!
Der Natur furchtbare Stimme siege,
Und der Freude Wange werde bleich,
Und der heilgen Sympathie erliege
Das Unsterbliche in euch!

Aber in den heitern Regionen,
Wo die reinen Formen wohnen,
Rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr.
Lieblich, wie der Iris Farbenfeuer
Auf der Donnerwolke duftgem Tau,
Schimmert durch der Wehmut düstern Schleier
Hier der Ruhe heitres Blau.

Tief erniedrigt zu des Feigen Knechte,
Ging in ewigem Gefechte
Einst Alcid des Lebens schwere Bahn,
Rang mit Hydern und umarmt’ den Leuen,
Stürzte sich, die Freunde zu befreien,
Lebend in des Totenschiffers Kahn.
Alle Plagen, alle Erdenlasten
Wälzt der unversöhnten Göttin List
Auf die willgen Schultern des Verhaßten,
Bis sein Lauf geendigt ist -

Bis der Gott, des Irdischen entkleidet,
Flammend sich vom Menschen scheidet
Und des Äthers leichte Lüfte trinkt.
Froh des neuen, ungewohnten Schwebens,
Fließt er aufwärts, und des Erdenlebens
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt.
Des Olympus Harmonien empfangen
Den Verklärten in Kronions Saal,
Und die Göttin mit den Rosenwangen
Reicht ihm lächelnd den Pokal.

Friedrich Schiller

Hegellesekreis (Online) 12.05.2020

Mit der Feststellung, dass der “nur sinnlichen Unmittelbarkeit wegen (…) das lebendige Naturschöne weder schön für sich selber, noch aus sich selbst als schön und der schönen Erscheinung wegen produziert” ist, schließt Hegel ein angemessenes Erscheinen des Schönen in der Natur aus. Der Geist sei demnach in der Natur zwar wirksam, trete aber in keiner angemessenen Gestalt in Erscheinung. Die Existenz von Lebewesen bezeugt zwar nichts anderes als das Scheinen der Idee in der Natur, aber in mangelhafter, da endlicher Form.
Mit diesem Abschnitt beendeten wir Hegels Exkursion in die Naturphilosophie. In der Diskussion standen wir vor der Frage, wie es sich mit Hegels Thesen vereinbaren lässt, dass uns nicht beseelte Naturen ebenfalls schön erscheinen können: Meere, Berge, Wälder, Wasserfälle, etc. Einer Antwort hierauf widmen wir uns in der nächsten Sitzung.

Hegellesekreis (Online) 28.04.2020

Im zweiten Kapitel des ersten Teils widmet sich Hegel dem Naturschönen. Zwar schloss Hegel bereits in seiner Einleitung das Naturschöne aus dem Gegenstandsbereich einer Philosophie der Kunst heraus, ordnet diesen aber systematisch in seine Untersuchung ein. Die Idee des Schönen sei uns eben nicht erst durch Kunst, sondern bereits durch die Natur bekannt. Hegel entführt uns in Folge zu einer kleinen Exkursion in seine Naturphilosophie. Philosophen wie Hegel interessieren sich für geistige Phänomene in der Natur, den Erscheinungen von Subjektivität, d.h. geistigen Strukturen in ihr. Er widerspricht dem aus der Neuzeit bekannten Vorurteil, dass es sich bei der Natur um einen mechanischen Klotz handle, der rein durch natürliche Gesetzmäßigkeiten gesteuert ist. Er spricht sich für eine Pluralität geistiger Strukturen in der Natur aus, die er in eine logische Stufenleiter einbettet.
Sie beginnt mit rein mechanischen und physikalischen Körpern. Ihr geistiger Grund, das Naturgesetz, ist in solche Körper versenkt. Ihnen fehlt eine ganzheitlicher Zusammenhang, jedes mechanische Teil existiert für sich. Die ideellen Unterschiede des Begriffs äußern sich nicht in sinnlicher Materialität.
Eine Stufe höher finden wir Naturerscheinungen, die in ihrer sinnlichen Objektivität ihre ideellen Unterschiede veräußern. Die einzelnen Körper sind hier zu einem totalen System aufgehoben, wie z.B. im Sonnensystem. Die Himmelskörper erscheinen selbstständig und voneinander unterschieden, doch ihre Stellung ergibt sich nur innerhalb ihres Systems. Die Position von Himmelskörpern bestimmt sich durch das Zentrum der Sonne, weshalb Hegel diese auch als „Seele“ des Sonnensystems bezeichnet.
Auf der nächsthöheren Stufe beschreibt Hegel jene Naturerscheinungen, die uns als Lebewesen bekannt sind: Lebendige Organismen. Die Unterschiede ihrer lebendigen, sinnlichen Gestalt, sind die Unterschiede, der ideellen Seele. Die Seele (der Begriff) unterwirft sich hier seine Realität (die sinnliche Gestalt). In diesem Zuge geht Hegel auch auf das aus der philosophischen Tradition bekannte Leib-Seele-Problem ein, das den Zusammenhang zwischen Leib und Seele hinterfragt. Seine Antwort auf dieses Problem: Der Leib ist die Existenz der Seele selbst. Die begriffliche Gliederung der Seele äußert sich in der Gliederung des lebendigen Organismus. „Innerhalb dieser realen Existenz nun erhebt sich der Begriff ebenso sehr zur ideellen Einheit aller Bestimmtheiten, und diese ideelle Einheit ist die Seele“, so Hegel. In dieser Einheit von Leib und Seele identifiziert Hegel die Idee, das Übereinstimmen eines Gegenstandes mit sich selbst. Die Idee, wie sie sich in der Natur zu Scheinen gibt und uns dadurch bereits bekannt ist, offenbart sich also erst im Leben.
In der Diskussion stellten wir fest, dass Hegel an dieser Stelle mit dem katholischen Dogma der Unbeseeltheit von Tieren abschließe. Seine Naturphilosophie als solche ist der Versuch, geistige Aspekte nicht getrennt von der Natur, sondern innerhalb der Natur selbst zu beschreiben. Und da er im Leben selbst die Idee auffasste, können wir daraus schließen, dass auch alle Lebewesen – Pflanzen, Tiere – beseelt seien.

HegelLesekreis (online) am 14.04.2020

Das Schöne, so die weitere Analyse, ist eine besondere Existenzweise der Idee. Im schönen Kunstwerk stimmen der sinnlich-objektive Gegenstand (die objektive Gestalt) und der ideelle Begriff (der subjektive Inhalt) überein. Die objektive Gestalt eines schönen Gegenstandes bewahrt keine Selbstständigkeit, sie ist die Gestalt des Inhalts, den der schöne Gegenstand erscheinen lässt. Nichts an dem schönen Gegenstand ist überflüssig, seine Form sondert sich nicht vom Inhalt ab, steht diesem nicht gegenüber, sondern bildet mit dem Inhalt eine immanente Einheit. In diesem Sinne ist das Schöne auch unendlich und frei.. Das Schöne ist dadurch losgelöst von äußeren Bedingungen (=ist unendlich). Es bildet eine vollständige Ganzheit (= ist frei). Alles, was der schöne Gegenstand hervorzubringen hat, ist im schönen Gegenstand angelegt. Auf diese Weise tritt die Idee, das Absolute, im schönen Kunstwerk auch in sinnliche Existenz.
Eine der Fragen während der anschließenden Diskussion lautete, worin sich die Idee in der Kunst von der Idee in der Wissenschaft bzw. Philosophie unterscheide. Die Vermutung stand im Raum, dass es Philosophie mit keinen realen Gegenständen zu tun habe, sondern nur mit ideellen Begriffen.
Hegel würde diesem Punkt zustimmen, ohne jedoch abzustreiten, dass Begriffe objektiv untersuchbare Gegenstände sein können. Die Form, die sich der Begriff in der Kunst gibt, ist sinnlich. Die Form, durch die sich der Begriff in Wissenschaft und Philosophie Form gibt, ist ideell. Beide Formen haben auf bestimmte Weise objektives Dasein, sind uns auf eine bestimmte Weise objektiv gegeben: in Kunst sinnlich-objektiv, in Philosophie ideell-objektiv.

HegelLesekreis (online) am 31.03.2020

Im folgenden Kapitel definiert Hegel den „Begriff des Schönen überhaupt“. Diese begrifflich Definition gibt an, was Schönheit ihren allgemeinen Bestimmungen nach ist. Die grundlegenden Formeln sind bereits bekannt: Kunst lässt die Idee scheinen; Schönheit ist das Scheinen der Idee. Hegel expliziert daher zunächst was Idee ist. Ideen sind keine bloßen, abstrakten Allgemeinvorstellung, sondern die Manifestation des Begriffs in der Realität. Idee ist der „in seiner Realität gegenwärtige und mit derselben in Einheit gesetzte Begriff“. Wir erkennen also Ideen in all jenen Phänomenen, in denen ein realer Gegenstand das Resultat geistiger (=begrifflicher) Bewegung ist – und in denen eine geistige Bewegung mit ihrem realen Gegenstand übereinstimmt. Idee ist die Übereinstimmung von ideellem Begriff und realem Gegenstand.
Hegel richtet sich gegen den Einwand, dass Begriffe bloße Abstraktionen seien. Er verdeutlicht, dass Begriffe zwar ideelle Einheiten sind, aber sie sind Einheiten konkreter Bestimmungen. Der Begriff ist ein konkretes Ganzes, das konkrete Unterschiedene in sich enthält. So ist der Begriff „Mensch“ beispielsweise die Einheit der Gegensätze von Sinnlichkeit und Vernunft.
Auf die Frage hin, was eine abstrakte Allgemeinvorstellung sei (und eben nicht Idee), führten wir das Beispiel des Volkes ein. Eine abstrakte Vorstellung von „Volk“ könnte lauten, dass nur Bürger, die regionale Vorfahren nachweisen können, Teil des Volkes seien. Diese Vorstellung ist aber abstrakt, d.h. mangelhaft, weil sie beispielsweise den Teil der Bevölkerung ausblendet, der zugezogen ist

HegelLesekreis am 03.03.2020

Das Bedürfnis, das Kunst befriedigt, ist rein geistiger Natur. Der Grund, warum Menschen sich über Kunst Wahrheit anschaulich ins Bewusstsein rücken, so die These Hegels, ist, dass Menschen, als unmittelbare, konkrete und leibliche Wesen auch immer nach unmittelbarer, d.h. sinnlicher Befriedigung drängen. Diese Weise der Kunst nun, dem Menschen unmittelbar, sinnlich die Wahrheit vor Augen zu führen, grenzt Hegel von der Religion und Philosophie ab. Allen drei ‚Sphären des Absoluten‘, wie er sie nennt, teilen sich ein und denselben Inhalt: Wahrheit. Ihre Funktion ist somit dieselbe: freie, geistige Selbstbetrachtung. Die Sphären unterscheiden sich nur ihrer Form nach, über die sie das Wesen der Dinge mit sich übereinstimmen lassen (Wahrheit offenbaren). Kunst äußert Inhalte in sinnlicher Form, Religion in der Form der Vorstellung (Repräsentation) und Philosophie (so wie Wissenschaft überhaupt) in Gedanken.
Wir schlossen die Leserunde mit Hegels bekannter These vom Vergangenheitscharakter der Kunst ab: „Die Kunst in ihren Anfängen läßt noch Mysteriöses, ein geheimnisvolles Ahnen und eine Sehnsucht übrig, weil ihre Gebilde noch ihren vollen Gehalt nicht vollendet für die bildliche Anschauung herausgestellt haben. Ist aber der vollkommene Inhalt vollkommen in Kunstgestalten hervorgetreten, so wendet sich der weiterblickende Geist von dieser Objektivität in sein Inneres zurück und stößt sie von sich fort. Solch eine Zeit ist die unsrige. Man kann wohl hoffen, daß die Kunst immer mehr steigen und sich vollenden werde, aber ihre Form hat aufgehört, das höchste Bedürfnis des Geistes zu sein. Mögen wir die griechischen Götterbilder noch so vortrefflich finden und Gottvater, Christus, Maria noch so würdig und vollendet dargestellt sehen – es hilft nichts, unser Knie beugen wir doch nicht mehr.“

HegelLesekreis am 18.02.2020

Mit der Beendigung der Einleitung kehrt Hegel wieder zum Anfangspunkt seiner Philosophie der Kunst zurück. Er beginnt den ersten Teil seiner Hauptuntersuchung mit einer detaillierten Differenzierung des Begriffs des Schönen. Hierfür geht er nochmal der Frage nach der allgemeinen Funktion von Kunst nach. Seine Antwort lautet, dass Kunst freie, geistige Selbstbetrachtung bezweckt. Kunstwerke sind also nicht nur Produkte des Geistes, sondern geistige Objekte überhaupt – eine geistige Natur –, durch die der Geist sich selbst betrachtet. Dieses Sich-Selbst-Äußern des Geistes im Kunstwerk hat nun drei Momente: 1. einen geistigen Inhalt 2. eine sinnliche Form und 3. die Übereinstimmung beider. Im Gegensatz zu anderen Formen geistiger Selbstbetrachtung lässt Kunst den Inhalt im sinnlich-individuellen selbst erscheinen. Dies liegt daran, dass der sinnliche Schein (also Erscheinungen) selbst immer einzelne Phänomen sind. Kunst aber bringt nicht irgendwelche vereinzelte Erscheinungen hervor, sondern individuelle, d.h. vollkommene, einzelne Erscheinungen. Kunstwerke lassen geistige Inhalte an jedem Punkte ihrer Form aufgehen: Alles an der Form des Kunstwerk ist Träger des Inhalts.

HegelLesekreis am 04.02.2020

Im dritten Teil der “Einteilung” fasst Hegel den drittel Teil der kompletten Ästhetik zusammen. Während sich der erste Teil der Ästhetik dem allgemeinen Begriff des Kunstschönen widmet (=dem Wesen der Kunst) und der zweite Teil den besonderen Formen des Kunstschönen (=den Möglichkeiten der Kunst ihr Wesen zu entfalten), handelt der dritte von den einzelnen Künsten, d.h. von den Kunstgattungen.

Die Kunstgattungen sind: Architektur, Skulptur, Malerei, Musik und Poesie. Hegel systematisiert das Verhältnis aller zentralen Kunstgattungen zueinander. Es besteht darin, dass sie vom Schein in unterschiedlichen Abstraktionsgraden Gebrauch machen. Architektur greift den Raum auf, die allgemeine dreidimensionale Räumlichkeit, wie sie uns bereits aus der erscheinenden Natur bekannt ist. Darum stiftet Architektur eine geistige, räumliche Natur. Die Skulptur arbeitet ebenfalls mit den drei Raumdimensionen, aber sie individuiert sie. Sie ist organischer Raum, d.h. ein sich im Raum organisch entfaltendes Kunstwerk und abstrahiert damit von der Totalität des Raums. Die Malerei wiederum tilgt eine Raumdimension: 3D wird zu 2D. Das Malerische ist die Fläche; ein Spiel aus Licht und Farbe. Musik tilgt die zweidimensionale Räumlichkeit. Was bleibt ist der Punkt bzw. die Abfolge von negierten Punkten, d.h. Zeitpunkten. Musik ist Gestaltung von Zeit; ein Spiel aus Ton und Rhythmus. Poesie nun tilgt auch die Zeit, d.h. die ganze Äußerlichkeit des Scheins. Poesie findet im Subjekt allein, im Geiste statt: „Der Ton wird dadurch zum Wort als in sich artikuliertem Laute, dessen Sinn es ist, Vorstellungen und Gedanken zu bezeichnen […]“.

HegelLesekreis am 21.01.2020

Beim Versuch, die drei Kunstformen von einander zu unterscheiden erstellten wir in der Leserunde dieses Schaubild.

Die Wahrheit, bzw. die Idee, welche durch Kunst sinnlich hervorgebracht wird, bezeichnetet Hegel fortan als das „Ideal“ oder das „Schöne“.

Der erste Teil der Ästhetikvorlesungen widmet sich der allgemeinen Betrachtung des Ideals. Das bedeutet, dass sich Hegel hier mit den allgemeinen, begrifflichen Bestimmungen des Kunstschönen auseinandersetzt.

Der zweite Teil ist den besonderen Formen des Ideals gewidmet, den Kunstformen. Dieser handelt von den Möglichkeiten der Kunst das Ideal hervorzubringen. Diese besonderen Möglichkeiten sind dem allgemeinen Begriff des Ideals bereits angelegt: Das Ideal ist die anschauliche Übereinstimmung von Inhalt und Form. Diese Übereinstimmung kann durch Kunst symbolisch, klassisch oder romantisch gefasst werden. Das heißt, dass Kunst entweder 1. Formen hervorbringt, die sich einen Inhalt geben (Symbolik) 2. Inhalt und Form direkt einander verweisen lässt (Klassik) oder 3. Inhalte hervorbringt, die sich eine Form geben (Romantik). Die ideale Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form, so Hegel, findet nur in der Klassik statt, weshalb es diese Kunstform ist, die das Ideal auch als Ideal, d.h. Schönheit hervorbringt.

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