Vera Mütherig

Emotion ist Verstehen. Die Stimme der Lautpoesie.

Emotion ist Verstehen. Die Stimme der Lautpoesie.

Freitag, 2. November 2018, 16h30 – 17h30

Die mehrsprachig und oulipotisch geprägte Lautpoesie von Oskar Pastior ist im besonderen Maß an ihre stimmliche Darbietung gebunden. Dem Autor selbst wird nämlich eine virtuose Vortragskunst bescheinigt, die im Diskurs vor allem in Bezug auf zwei Aspekte verhandelt wird: Erstens wird die körperliche und sinnliche Komponente seines Vortrags betont. Damit zusammen hängt, zweitens, eine vermeintlich hermeneutische Wirkung seiner prosodisch-intonatorischen Darbietung: Erst wenn Pastior selbst seine Texte vorlese, so die einhellige Beschreibung der Wirkung seines Vortrags, könne man seine Gedichte verstehen. Das erstaunt umso mehr, weil sich Pastiors lautpoetische Texte in der Regel einer eindeutigen Sinnzuschreibung verwehren.
Wie lässt sich die hermeneutische Wirkung erklären? Weder Literaturkritik noch Literaturwissenschaft sind dieser Frage bisher nachgegangen. Die Antwort erfordert deshalb eine Analyse des Merkmalskomplexes seiner stimmlichen Darbietung, welche die unterschiedlichen Akzente – temporal, dynamisch, melodisch und artikulatorisch – unter die Lupe nimmt und deren Wirkung für die kalkulierte emotionale Einfärbung der zumeist aus kleinsten Sprachpartikeln – Phonemen und Graphemen – bestehenden mehrsprachigen Texten analysiert. Anhand von Audiobeispielen wird vorgestellt, wie Pastior die prosodisch-intonatorischen Stimmparameter einsetzt, um Gefühle wie zum Beispiel Freude, Wut oder Zweifel zu evozieren, die als Grundlage von Verstehen fungieren. Folgende Fragen schließen sich daran an: Sind bestimmte Phoneme mit bestimmten Emotionen verknüpft? Lässt sich ein spezifisches Stimmmuster für bestimmte Emotionen erkennen? Und nicht zuletzt, wie verändert die stimmliche Umsetzung die Textinterpretation?

Vera Mütherig absolvierte ihr Bachelor- und Masterstudium der Germanistik, Angewandten Sprachwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Siegen. 2010 arbeitete sie als wissenschaftliche Hilfskraft im DFG-Forschungsprojekt „Poetik und Hermeneutik des Hörbuchs“. Von 2011 bis 2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Ruhr Universität Bochum. Seit 2012 ist sie (mit Unterbrechung) als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Im Februar 2018 promovierte sie im Bereich Neuere Deutsche Literatur.

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