Ulrich Lampen

Emotionale Praxis im Hörspiel

Emotionale Praxis im Hörspiel

Freitag, 2. November 2018, 16h30 – 17h30

Es fängt wie immer ganz einfach an. Schließen wir die Augen und bleiben wir da wo wir gerade sind, ohne die Notwendigkeit uns optiklos im Raum zu bewegen, und schon haben wir Hörspiel. Bleiben wir gelassen, versuchen wir nicht sofort die Klänge zu interpretieren, ob sie uns bedrohen, warnen oder schmeicheln und schon sind wir die Teilnehmer eines Hörspiels. Lassen wir die Augen geschlossen, verzichten wir auf den Blick in die Augen, auf die Mimik und Gestik des gegenüber, und doch hören wir mehr als nur Information, vor allem im szenischen und literarischen Umfeld: wie werden, oder können die Emotionen produziert und rezipiert werden. Im Gegensatz zum Film, mit dem das Hörspiel sonst viel verbindet, hilft die Montage bei der Gestaltung von Emotionen wenig. Das berühmte Beispiel des Menschen im Bus, der aus dem Fenster schaut und dessen Situation ganz anders vom Zuschauer begriffen wird, je nach dem, welche Szenen – Gewalt oder Liebe – man vor die einsame Fahrt im Bus schneidet, verfängt hier nicht. Stimme nimmt immer sofort in Anspruch. Zudem verkehrt das Hörspiel die Perspektiven der Rezeption. Das vorne, das nahe am Mikro, quasi die Rampe des Theaters ist nicht der direkte Weg zum Publikum, sondern der genaueste Blick in die Gedankenwelt, in das Innen der dargestellten Figur. Aus dem wenigen bisher gesagten wird klar, wie komplex die Produktion und Rezeption einer emotionalen Praxis im Hörspiel ist. Der Vortrag versucht eine Positionsbestimmung.

Ulrich Lampen studierte Germanistik, Philosophie und Psychologie und ist seit 2000 als freier Regisseur und Autor für die ARD und Deutschlandradio Kultur tätig. Bis heute blickt er auf insgesamt mehr als 60 Essay-Produktionen und mehr als 60 Feature-Produktionen zurück sowie auf circa 400 Hörspielproduktionen, davon über 40 in eigener Bearbeitung / Autorschaft. Für seine Hörspielregie erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter zuletzt der Deutsche Hörbuchpreis 2009, der Hörspielpreis der Akademie der Künste 2007, der Prix Europa 2006 und im selben Jahr den ARD Hörspielpreis und ARD Online-Award. Darüber hinaus erarbeitete er eine Vielzahl von Publikationen, wie beispielsweise Aufsätze in Krieg und Literatur, Parade Sauvage, Grabbe Jahrbuch, zuletzt »lorem ipsum – zuviel kriegen«, in Maske & Kothurn, der Vierteljahresschrift für Theaterwissenschaft, Hör! Spiel. Stimmen aus dem Studio. (Jg. 58/Heft 3; Wien: Böhlau 2012.) oder »nachgehen –Christian Geisslers Hörspielmanuskripte “wanderwörter“ und „ohren aufbohren”« in Der Radikale, Christian Geisslers Literatur als Grenzüberschreitung, herausgegeben von Detlef Grumbach, Berlin 2017 sowie »es war eigentlich keine beschwerliche reise«, in Seismographie des Hörspiels, Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, München 2017.

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