Lars Korten

»Die Ohren zu vergnügen« Rhetorische Figuren und ihre stimmliche Umsetzung

Freitag, 2. November 2018, 16h30 – 17h30

Der Vortrag befasst sich mit dem Verhältnis von Figurenlehre, Affekttheorie und stimmlicher Umsetzung im 18. Jahrhundert. Die Verflechtungen von Kompositionslehre, Rede- und Dichtkunst werden an drei historischen Beispielen nachvollzogen, und es wird erläutert, welchen Beitrag die Figurenlehre zur Beförderung einer affektvollen Sprech- und Singstimme leistet.
Johann Adolph Scheibes ›Kurzer Abhandlung von den Figuren in der Musik‹ zufolge (in: Der Critische Musicus, 1745) sind die rhetorischen Figuren »ja selbst eine Sprache der Affecten«, was sie ausgesprochen brauchbar für den Komponisten macht, da die Musik »insonderheit mit der Erregung und mit dem Ausdrucke der Gemüthsbewegungen zu thun hat«. Die Figuren sind demnach nicht bloßer ›Zierrat‹, sondern wesentliches Element des musikalischen Periodenbaus. Dafür nehmen sie zwangsläufig Anleihen bei der Dichtkunst, die für die Einrichtung des Verses zuständig ist – und diese profitiert ihrerseits von den Grundlagen der Redekunst. Die Rhetorik nämlich entwirft auf der Basis der numerus-Lehre Gesetzmäßigkeiten des Satzbaus und der Gestaltung des Prosarhythmus. Diesem werden durch Satzfiguren, die die Periode rhythmisch modifizieren, je spezifische Affektverzerrungen zugeschrieben. Scheibe beruft sich dementsprechend auf Johann Christoph Gottscheds Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730), wobei sich Gottsched selbst explizit auf Bernard Lamys La Rhétorique ou l’art de parler bezieht (zuerst 1675).
Der Vortrag wird versuchen, die Anverwandlungen der rhetorischen Figurenlehre durch Poetologie und Musiktheorie am Beispiel dieser spezifischen Rezeptionsgeschichte nachzuvollziehen. Wesentlicher Bezugspunkt für die Untersuchung ist dabei das Zusammenspiel von Figurenlehre und Affekttheorie hinsichtlich der stimmlichen Realisation im rhetorischen, poetischen und vokalmusikalischen Vortrag.

Dr. Lars Korten hat Neuere und Ältere deutsche Literaturwissenschaft, Deutsche Sprach-wissenschaft und Nordische Philologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert. Er wurde promoviert mit der Studie ›Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre 1848–1888. Stifter, Keller, Meyer, Storm‹. In den Jahren 2009 bis 2012 war er Projektleiter am Cluster ›Languages of Emotion‹ und Lehrbeauftragter am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der der Freien Universität Berlin. Seit 2012 arbeitet er am Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter, seit 2018 als akademischer Oberrat. Einer seiner Arbeits-schwerpunkte ist das Verhältnis von Prosodie und Affekttheorie im 17. und 18. Jahrhundert.

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