Wolfgang Saus

Warum jeder Sänger Obertongesang lernen sollte

Warum jeder Sänger Obertongesang lernen sollte
© Claudiu Lazaciuc

Samstag, 3. November 2018, 09h00 – 11h00

Workshop für Sänger und andere professionelle Stimmnutzer. Inzwischen wird jeder Sänger schon mal von Obertongesang gehört haben. Falls nicht:
Obertongesang ist eine junge Gesangstechnik, die Sängern ermöglicht, zwei Töne gleichzeitig zu singen. Sie basiert auf der präzisen Kontrolle von Resonanzfrequenzen (Formanten), die dafür sorgt, dass einzelne Teiltöne des Stimmklangs so verstärkt werden, dass sie als getrennte glasharfenartige Töne wahrgenommen werden und einen mehrstimmigen Klangeindruck erzeugen. Obertongesang darf nicht mit zentralasiatischem Kehlgesang verwechselt werden. Westlicher Obertongesang entstand in den 1960er Jahren in der Avantgardemusik und wird mit klassischer westlicher Singstimme ausgeführt. Der außergewöhnliche Effekt entsteht durch das Zusammenführen zweier Resonanzfrequenzen zu einer Doppelresonanz. Um das zu erlernen ist eine exakte Kenntnis der entsprechenden Vokaltrakteinstellungen nötig. Gründe, warum alle Sänger Obertonsingen zumindest in Grundzügen beherrschen sollten:
• Mühelosigkeit, Brillianz, Lautstärke und Ausdauer der klassischen Singstimme werden geschult und begründet und gewinnen so an Reproduzierbarkeit, auch bei ungünstigen Rahmenbedingungen (schlechte Raumakustik, körperliche oder seelische Verfassung…).
• Formanten werden nicht nur besser verstanden, sondern begriffen (im mündlichen Sinne des Wortes. Es sind eine Menge diffuser und sogar falscher Formantkonzepte im Umlauf).
• Sänger, die ihre Formanten so genau wie Töne steuern, können damit Probleme ihrer Schüler (wie auch eigene) in wesentlich kürzerer Zeit und zielgerichtet lösen.
• Die tongenaue Formantkontrolle bewirkt eine Aktivierung des sogenannten Obertongehörs, dessen Zentrum in der rechten Gehirnhemisphäre im Heschl’schen Gyrus vermutet wird.
• Das Obertonhören muss erlernt werden. Nur etwa 5-10 Prozent der Sänger können Formant-Obertonwechselwirkungen spontan sicher hören. Das Resultat ermöglicht die Übertragung empathischer Stimmwahrnehmung auf praktikable Bewegungsmuster im Vokaltrakt. Wer das nicht erlebt hat, hat keine Vorstellung von der Tragweite dieser Art des Zugangs zum Stimmklang.
• Obertongehör und Formantkontrolle ermöglichen in Kombination neue Strategien für Intonation und Homogenität im Ensemblegesang (Chorphonetik).
• Das Erlernen der Gesangstechnik erfordert vergleichsweise wenig Zeit und macht Spaß (Suchtfaktor). Es lohnt sich also, ein paar Stunden in diese Nische der Gesangspädagogik zu investieren.

Wolfgang Saus ist freiberuflicher Bariton Obertonsänger und Naturwissenschaftler. Er arbeitete mit Musikern wie Gidon Kremer, George Prêtre, Anders Eby, Helmuth Rilling. Seine Wurzeln im klassischen Gesang, der Physik und Chemie charakterisieren seine spezielle Herangehensweise an die Stimme. Er ist Mitentwickler der Klanganalysesoftware »Overtone Analyzer«, Innovationspreisträger der Klühstiftung, Erfinder einiger Chemieverfahrenspatente, Gründer des experimentellen Europa Obertonchor EOC, Autor des Fachbuchs »Oberton Singen« und seit 2015 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesangswissenschaft.
www.oberton.org

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