Prof. Cornelia Krawutschke

Die Bühne ist ein Kunstraum voll Emotionalität

Teil 1: Freitag, 2. November 2018, 09h00 – 11h00
Teil 2:Samstag, 3. November 2018, 09h00 – 11h00

Doppelworkshop – Nur zusammen belegbar

Die Bühne ist ein Kunstraum, ein Ort der Behauptung. Wahr kann sein, was als wahr behauptet wird. Entscheidend ist eine Plausibilität der spielerischen Vorgänge und der Gedanken, die stets mit konkreter Emotionalität verknüpft sind. Zeit, Raum und Handlung müssen als Orte definiert werden. Es gibt keine Echtheit im Sinne von Natürlichkeit. Natürlichkeit ist im Grunde ein Kunstprodukt. Es gibt in der Darstellung kein Richtig oder Falsch, wichtig erscheint, dass der Spieler mit seiner versammelten Persönlichkeit sich verantwortlich für eine Interpretation entscheidet. Die Interpretation muss allerdings eine hohe Plausibilität aufweisen. Verantwortlichkeit und Authentizität sind wesensverwandt. Der Schauspieler spielt eine Persönlichkeit, die nicht er selbst ist, in die er sich verwandelt. Das bedeutet, er handelt entsprechend der Motivation und der Absicht der Figur in konkreten Situationen für die Figur, für ihre Ziele. Er beginnt „anders“ zu denken und mithin für die sich einstellenden, neuen Gefühle den emotionalen Ausdruck zu entdecken. Die daraus resultierende Handlungs-Präsenz der Figur entspricht der Präsenz des Schauspielers und umgekehrt. Der Spieler muss sich dementsprechend mit seiner gesamten zentrierten Persönlichkeit zur Verfügung stellen und seine Handlungen aus einer konkreten Motivation und mit gerichteter Absicht verfolgen. Ich spreche dann von einer Einheit körperlich – geistiger und emotionaler Präsenz. Diese Präsenz benötigt stets die konkrete soziale Verortung. Handlungswille, Wachheit, Impulsfähigkeit, das gestische Handeln der versammelten gesamten Persönlichkeit in einer Balance aus Geben und Nehmen, die gestische Einheit von Körper und Stimme, in steter Bewegung zu sein, aus dem Moment heraus spontan und zielgerichtet Bewegung auslösen zu wollen – das sind Kriterien für eine objektiv wahrnehmbare Präsenz, die gedanklich wie emotional überzeugend ist.

Kein Spieler lebt in einem luftfreien Raum, er unterliegt einer sozialen wie auch emotionalen Determination, verfügt über eigene kommunikative Fähigkeiten und Fertigkeiten, arbeitet mit und aus einer konkreten Phantasie heraus, hat Sehnsüchte, strebt Ziele an und besitzt einen ihm eigenen Ausdruckswillen und eine Ausdruckskraft. Mit all dem stellt er sich gedanklich und emotional der literarischen Vorlage und dem Publikum und somit ist er verantwortlich – sich selbst, dem Text und dem Publikum gegenüber. Erweitert man die Dimension, so ist er auch der Gesellschaft gegenüber verantwortlich, seine Handlung wird zum politischen Akt. In der Textarbeit bedeutet das, sich ernsthaft dem Material zu nähern, es zu entschlüsseln. Die Auseinandersetzung findet auf drei Hauptebenen statt: die Zeit der erzählten Geschichte, die Zeit des Autoren und die Zeit des Spielers. Sie müssen ent-deckt werden, es muss zu einer Auseinandersetzung, zu einer Reibung führen. Ein Prozess, der mit dem ersten Lesen beginnt und auch im Sprechen nicht aufhört, da dann die Ebene „Publikum“ sich einmischt. Der Text ist zu begreifen als ORT von Handlungen, Vorgängen, Situationen, Emotionen. Diese wollen erkannt, beschrieben und vorangebracht werden und im Spiel realisiert werden. Das Ziel der Arbeit liegt darin, diese zu veröffentlichen, sie zu erzählen.
In dem Prozess des Be-Greifens entdeckt der Spieler die literarische Vorlage, und er begreift den Autoren in seiner sozialen Determinierung, in seiner Zeit. Er nutzt dessen Wissen, seine Emotionalität, seine Ausdruckskraft und Ausdrucksfähigkeit, die sich in der Literatur widerspiegeln. Dabei wird der Text, das Material, neu erschaffen und neu definiert, allein dadurch, dass das geschriebene literarische Wort nun gesprochen wird. Man kann sogar von einer Co-Produktion sprechen.

Im Kurs vermittle ich Prinzipien des gestischen Sprechens sowohl in Übungen als auch in der Textarbeit. In der Textarbeit handelt es sich um eine Einzelarbeit. Die Teilnehmer erhalten rechtzeitig Textvorschläge bzw. können gern einen Text/Textausschnitt ihrer Wahl mitbringen. Ich bitte in letzterem Fall, mir die Texte vorab zukommen zu lassen.

Doppelworkshop. Nur zusammen belegbar.

Prof. Cornelia Krawutschke ist Schauspielerin und Diplomsprechwissenschaftlerin; studierte Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Berlin und Sprechwissenschaft / Germanistik an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg. Schülerin von Klaus Klawitter. Von 1990 bis 2001 Sprecherzieherin an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Berlin, von 1999 bis 2007 Professorin für Sprecherziehung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, seit 2007 Professorin für Sprecherziehung an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Berlin. Freischaffende Schauspielerin. Verschiedene Kurse unter anderem in Berlin, Potsdam, Düsseldorf, München, Hamburg, Halle, Moskau, Weikersheim.

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