Sonntag , 10. Juni 2018 | 14h30 - 16h00, Akademie für gesprochenes Wort, Haußmannstr. 22, 70188 Stuttgart (2.OG / Ungarisches Kulturinstitut)

Hölderlin Vertonungen
Diskussionsrunde und anschließendes Konzert

Der Musikwissenschaftler Thrasybulos Georgiades hat einmal behauptet, dass »ein Gedicht Hölderlins, im Gegensatz zu Goethes Liedern, kein Komponieren« gestatte, »denn es ist gleichsam bis in die letzte Einzelheit zu Ende gedichtet«, die Worte erschienen als »Leibhaftiges, Festgefügtes, nach allen Seiten hin restlos Festgelegtes«.

Wenn Georgiades’ These auch für das 19. Jahrhundert eine gewisse Bestätigung findet – sieht man einmal von Komponisten wie Theodor Fröhlich, Peter Cornelius und Johannes Brahms ab -, so steht sie in offenkundigem Widerspruch zur Fülle von Hölderlin-Vertonungen im 20. Jahrhundert. In zwei großen Wellen, einmal von 1910 an, zum anderen nach 1960, sind Hölderlin-Verse vertont worden. Fast keiner der großen Komponisten, der sich nicht in Lied oder Chorgesang mit Hölderlins Versen auseinandergesetzt hätte. Nur wenige, wie Helmut Lachenmann, die sich der Meinung von Th. Georgiades angeschlossen haben, diese Verse seien bereits dichterisch komponiert und gestatteten keine Vertonung. Warum dieses verblüffende Interesse der Komponisten an Hölderlins Dichtungen? War es nicht gerade »das Festgefügte, nach allen Seiten hin restlos Festgelegte« dieser Verse, was sie zu einer Vertonung stimulierte? Oder im Gegenteil die von der neuen Editionsphilologie suggerierte Unterstellung, dass diese Verse nur Fragmente aus einem einzigen großen Schreibstrom seien, denen die Musik ein vielfältiges Echo verleihen könne? Welche politischen und kulturellen Faktoren spielten dabei mit herein?

Eine Diskussionsrunde mit Isabel Mundry, Andreas Meyer und Cornelis Witthoefft wird unter der Leitung von Reinhart Meyer-Kalkus nach Antworten suchen. Danach werden Studierende der HMDK Stuttgart ausgewählte Hölderlin-Vertonungen des 19. bis 21. Jahrhunderts vorstellen.

Diese Veranstaltung ist Teil der Hölderlin-Tage vom 3. bis 10. Juni 2018.

Biografische Notizen der Mitwirkenden:
ANDREAS MEYER studierte Musikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Freiburg i.Br. und Berlin. Seine Habilitation schloss er im Jahr 2005 mit einer Arbeit über »Musikalische Lyrik im 20. Jahrhundert« ab. Seit 2007 ist Andreas Meyer Professor für Musikwissenschaft an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Zudem verfasste er Publikationen v.a. zur Musik des 19. und 20. Jahrhunderts, zu Musik und Dichtung, zur Ästhetik und Soziologie der Musik und zur Geschichte der Avantgarde.

REINHART MEYER-KALKUS ist Außerplanmäßiger Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam.

CORNELIS WITTHOEFFT wurde 1964 in Hamburg geboren und studierte Kirchenmusik, Dirigieren und Korrepetition an den Musikhochschulen Hamburg und Wien. Jahrelang engagierte er sich an den Staatsopern Wien und Stuttgart als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung. Auch an anderen bedeutenden Opernhäusern übernahm er Dirigate und Einstudierungen. Als Solo- und Liedpianist ist er international tätig und seit 2004 Professor für Lied an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart.

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