Elisabeth Pawelke

In armonia favellare – Stimmideal und Vokalpraxis des stile nuovo

In armonia favellare – Stimmideal und Vokalpraxis des stile nuovo
Foto: Dimitri Davies

Donnerstag, 29. September 2016, 17h30 – 18h30

Gegenstand des Vortrags ist die Vokalpraxis des Frühbarocks unter besonderer Berücksichtigung von Stimmästhetik und Gesangsmode des stile nuovo, der sich um 1600 in Italien entwickelte. Eine zentrale Quelle hierfür ist Giulio Caccinis Werk »Le Nuove Musiche« (1602), in deren Vorrede vokaltechnische Inhalte erläutert werden. Enormen Einfluss auf Sänger, Komponisten und Gesangspädagogen in Italien und Deutschland hat Caccinis Affektenlehre. Diese ist charakterisiert durch den Einsatz von Esklamazionen, Kaskaden und anderen Verzierungen. Ebenso durch die sprezzatura, die den Weg für eine am Sprechen orientierte Gesangsart sowie für das Rezitativ der künftigen Oper ebnen sollte. Inspiriert vom Ideal eines musikalisch-lyrischen Vortrags in der griechischen Antike stellt der daraus resultierende stile recitativo eine maximale Annäherung der beiden vokalen Modalitäten Singen und Sprechen dar. Im Vergleich mit Beispielen aus weiteren historischen Quellen zeigt sich, dass Termini wie esclamazione più viva und sprezzatura im musikalischen Kontext offenbar tatsächlich auf Caccini zurückgehen, Schriften anderer Autoren allerdings die Grundlagen dafür bildeten. Präferenzen Caccinis bezüglich Vokalqualität, Flexibilität und Artikulation decken sich weitgehend mit denen seiner Zeitgenossen. Hinsichtlich der Stimmfunktion zieht Caccini jedoch den Vollstimmklang einer voce naturale dem Randstimmklang der voce finta bei Falsettisten vor. Zudem fordert er einen mäßigen Einsatz von Passaggien zugunsten der Textverständlichkeit.

Caccinis Affektenlehre beinhaltet sowohl Elemente einer Gesangsmode, die bereits in Gebrauch war, als auch deren Modifikationen. Sie repräsentiert die Möglichkeit der menschlichen Stimme zu enormer Flexibilität innerhalb ihrer physiologischen Grenzen und gibt noch heute Einblick in die reiche Vokalkunst des Frühbarocks.

Elisabeth Pawelke studierte Gesang im Fach Alte Musik an der Schola Cantorum Basiliensis in Basel sowie an der Musikhochschule Trossingen, wo sie einen Master of Music in Early Music erwarb. Sie absolvierte zudem ein Studium der Musikpädagogik, Musikwissenschaft und Älteren Deutschen Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit 2014 promoviert sie in Musikwissenschaft am Zentrum für Mittelalter- und Renaissancestudien in München und bildet sich zur akademischen Sprach- und Stimmtherapeutin an der Ludwig-Maximilians-Universität München weiter. Sie unterrichtet Stimmbildung in München und gibt regelmäßig Kurse zu historischem Gesang, Harfe und Ensemblespiel.

www.elisabethpawelke.de