Prof. Dr. Reinhart Meyer-Kalkus

Von Klopstock bis zum Poetry Slam. Eine kleine Geschichte der literarischen Vortragskunst in Deutschland in fünf Etappen

Freitag, 30. September 2016, 11h30 – 13h00

Beschränkt man sich auf die großen Wendepunkte in der Geschichte der Vortragskunst der letzten 265 Jahren, so kann man fünf Konstellationen hervorheben, welche das Feld bis heute geprägt haben:

- Die Begründung der Vortragskunst durch Dichter und Autoren wie Klopstock, Herder, Sulzer, Goethe, J. H. Voß und Tieck seit 1750, komplementär zur »Bücher-Revolution« und der Verbreitung des stummen Lesens als sozialer Praxis.

- Das Auftreten von Schauspielern und berufsmäßigen Rezitatoren seit 1780, flankiert von der Gründung neuer institutioneller Foren (»Deklamatorien«); weiterhin die Etablierung der Vortragskunst in Schule und Gymnasium seit 1815 und verstärkte Anstrengungen einer wissenschaftlichen Begründung der Vortragskunst bzw. »Deklamatorik«.

- Das öffentliche Auftreten von Autoren seit 1894 zu »Dichterlesungen«, bei denen sie vor anonymem Publikum gegen Honorar aus ihren Schriften lesen. Detlev von Liliencron, Richard Dehmel, Rainer Maria Rilke und Thomas Mann und einzelne ambitionierte Vortragskünstler wie Emil Milan und Ludwig Hardt werden zu Vorkämpfer einer Literarisierung der Vortragskunst.

- Seit 1930 und dann verstärkt seit 1950 ein vierter Entwicklungsschub durch die Verbreitung der Vortragskunst durch Medien wie Rundfunk, Langspielplatte, MCC, Audio-CD und Internet. Der Rundfunk wird zum Hauptmäzen literarischer Vortragskunst in Deutschland.

- Seit 1995 ein fünfter Entwicklungsschub durch die Produktion von Audiobooks und die Nutzung von mobilen Abspielgeräten und des Internets. Parallel dazu der Aufschwung einer Spoken-Poetry-Bewegung mit neuen Formaten der Live-Performance wie Poetry Slam und freien Lesebühnen.

Prof. Dr. Reinhart Meyer-Kalkus lehrt nach langjähriger Tätigkeit am Wissenschaftskolleg zu Berlin als Außerplanmäßiger Professor am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Potsdam. Er hat mehrere Bücher publiziert (unter anderem »Wollust und Grausamkeit. Affektenlehre und Affektdarstellung in Lohensteins Dramatik am Beispiel von ›Agrippina‹«, Göttingen 1986; »Der akademische Austausch zwischen Deutschland und Frankreich«, Bonn 1994; »Rede, damit ich Dich sehe! Physiognomik der Stimme und Sprechkünste im 20. Jahrhundert«, Akademie-Verlag, Berlin 2000; »György Ligeti und Gerhard Neuweiler: Motorische Intelligenz. Zwischen Musik und Naturwissenschaft«, Herausgeber: Reinhart Meyer-Kalkus, Berlin 2007) sowie Studien zum deutsch-französischen Kulturtransfer und zur zeitgenössischen Musik. Er arbeitet zurzeit an einer Monographie zur literarischen Vortragskunst seit dem 18. Jahrhundert.