Dienstag , 08. Mai 2018 | 18h00, Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss

Menschenfresser! Das Phänomen des Kannibalismus in der griechisch-römischen Literatur

Dr. Jonas Scherr

Diese Leute hatten zum Führer einen verwegenen Mann, der hochfliegende Pläne und einen verschlagenen Charakter hatte: Lucius Catilina, dem man früher außer anderen schweren Verbrechen die Schändung seiner jungfräulichen Tochter und die Ermordung seines Bruders zur Last gelegt hatte. (…) Diesen Mann hatten die Bösewichter sich also zum Führer genommen und neben anderen Treupfändern, die sie sich gaben, zusammen einen Menschen getötet und von seinem Fleisch gegessen. (Plutarch, Leben des Cicero, 10,3-4)

Literarische Schilderungen von und Erwägungen zu Kannibalismus unter Menschen sind in der Mittelmeerwelt und in Europa fast so alt wie die Literatur selbst. Sie finden sich als Bestandteile von Mythen und Sagen, sie finden sich als Unterstellungen in Geographie und Ethnographie wie auch in Historiographie und Biographie (wie im obigen Zitat aus Plutarchs Cicerovita), als theoretische Überlegungen in der Philosophie, als rhetorische Waffe in politischen Diskursen. In diesem Vortrag soll mit einem weiten Bogen von der griechischen Archaik bis in die römische Kaiserzeit anhand ausgewählter Beispiele gerade diese Vielfalt demonstriert werden, mit der das Kannibalismusmotiv in der antiken Literatur verwendet wurde. Zugleich sollen dabei Fragen der Instrumentalisierung, der Glaubwürdigkeit und der interpretativen Wertung solcher Zeugnisse ebenso angesprochen werden wie solche der Moral und der Pietät.

Dr. Jonas Scherr ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Universität Stuttgart. Seine Forschungsinteressen gelten der römisch-lateinischen und griechischen Geistes- und Literaturgeschichte, den ‚Randbereichen‘ der antiken Mittelmeerwelt sowie – in methodischer Hinsicht – der Epigraphik.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Historischen Institut der Universität Stuttgart und dem Landesmuseum Württemberg.

Erfahren Sie hier mehr über die Veranstaltungsreihe »Gesprochene Antike«.